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Der Donnerstag im Bermudadreieck

Sabine, 61 · Bochum

Vierzig Jahre lang war ich für andere zuständig. Erst für meine Eltern, dann für meinen Mann, dann für die Kinder, dann für die Enkel, und zwischendurch für eine Apotheke in Bochum-Langendreer, die ich mit meinem eigenen Namen an der Tür geführt habe. Vor einem Jahr habe ich sie verkauft. Am Tag der Schlüsselübergabe ging ich nach Hause, setzte mich in die Küche und wusste nicht, was ich mit meinen Händen anfangen sollte. Sie hatten sich so daran gewöhnt, zu tun, dass sie nun einfach nur dalagen, als warteten sie auf Anweisungen.

Ich bin Sabine, einundsechzig. Mein Mann Wolfgang ist vor drei Jahren gestorben, nach langer Krankheit, in der ich ihn gepflegt habe, bis zum letzten Tag. Ich habe es gern getan, und ich würde es wieder tun. Aber danach kam eine Leere, von der mir niemand erzählt hatte. Eine Stille, die im Haus stand wie ein Möbelstück, das nicht mehr weggeräumt werden konnte.

Meine Tochter war es, die mir ohne Vorwarnung sagte: „Mama, du musst mal wieder unter Leute.“ Ich wollte nicht unter Leute. Ich wollte, glaube ich, gar nichts. Aber irgendwann, an einem verregneten Abend im Februar, meldete ich mich bei CougarsTreffen an, aus einer Mischung aus Neugier und Langeweile. Ich schrieb in mein Profil einen einzigen Satz: „Ich möchte niemandem etwas versprechen und nichts versprochen bekommen.“

Die meisten Männer schrieben nicht. Einer schon. Er hieß Nico, war zweiundvierzig und hatte im Bochumer Ehrenfeld eine kleine Werkstatt für Fahrräder. „Das ist der schönste Satz, den ich in diesem Jahr gelesen habe“, schrieb er. „Ich verspreche dir auch nichts. Aber ich lade dich gern auf ein Bier ein.“

Ein Bier. Ich hatte seit Jahren kein Bier mehr getrunken, das nicht bei Familienfeiern serviert wurde. Ich antwortete: „Donnerstag, sieben Uhr. Aber nicht im Bermudadreieck, da kennt mich jeder.“ Er schlug eine kleine Kneipe in der Nähe des Schauspielhauses vor, und ich sagte ja.

Am Donnerstag stand ich eine Stunde vor dem Spiegel. Ich weiß, dass das albern ist. Ich probierte drei Blusen an, entschied mich für die rote, die ich vor zwei Jahren gekauft und nie getragen hatte, weil Wolfgang sie zu auffällig gefunden hätte, und zog dazu die schwarze Hose an. Ich färbte mir nichts und überschminkte nichts. Ich sah mich an und dachte: Das bin ich. Einundsechzig, mit Falten um den Mund, mit Silber an den Schläfen, und trotzdem stehe ich da und habe Lust.

Auf dem Weg zur Kneipe kam ich am Schauspielhaus vorbei, dessen hell erleuchtete Fenster mich an Abende erinnerten, an denen ich mit Wolfgang in der Pause Sekt getrunken und über die Inszenierung geflüstert hatte. Für einen Moment blieb ich stehen. Ich fragte mich, ob es Verrat sei, was ich vorhatte. Dann hörte ich in mir ganz deutlich seine Stimme, die sagte, was er in seinen letzten Wochen mehr als einmal gesagt hatte: „Versprich mir, dass du nicht in der Küche sitzen bleibst.“ Ich atmete durch und ging weiter. Es war kein Verrat. Es war ein Versprechen, das ich einlöste.

Die Kneipe war klein, mit Holztischen, einem Tresen voller Kerben und Bildern an den Wänden, die schief hingen, als sei das Absicht. Nico saß in der Ecke, ein kräftiger Mann mit Bart und Händen, die von der Arbeit dunkle Ränder hatten. Er stand auf, als er mich sah, und ich mochte ihn dafür sofort.

„Du siehst besser aus als auf dem Foto“, sagte er.

„Das ist ein Kompliment oder eine Beleidigung für das Foto“, sagte ich.

„Beides“, sagte er. Ich lachte laut. Ich hatte länger nicht so gelacht.

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Wir tranken Pils und aßen Currywurst, weil er behauptete, in Bochum sei das unvermeidlich, und redeten. Er erzählte von seiner Werkstatt, davon, wie er Räder repariert, die andere längst aufgegeben haben, weil er es nicht erträgt, wenn etwas Brauchbares weggeworfen wird. Ich erzählte von meiner Apotheke, von den Stammkunden, die mir bis heute Karten schreiben, und von meinen vier Enkeln. Er fragte, ob ich nicht Sorge hätte, dass sie es erfahren. Ich sagte: „Ich habe vierzig Jahre lang alles gewusst, was in meinem Viertel passiert. Jetzt darf ich auch mal etwas für mich behalten.“

Er lächelte und sah mich lange an. „Und was wünschst du dir von mir?“

Die Frage war ehrlich gestellt, ohne Lauern. Ich überlegte, wie ich sie beantworten sollte. „Dass du mir einen Abend schenkst, wenn ich einen möchte“, sagte ich schließlich. „Und dass du nicht traurig bist, wenn ich einmal keinen möchte. Ich habe keine Lust mehr auf Erwartungen. Weder auf deine noch auf meine.“

„Das ist die einfachste Abmachung, die ich je getroffen habe“, sagte er.

Wir gaben uns nicht die Hand darauf. Er hob sein Glas, ich stieß an, und in dem hellen Klang lag etwas Endgültiges und zugleich etwas Leichtes.

Gegen zehn gingen wir hinaus. Der Regen hatte aufgehört, die Straße glänzte, und aus den Kneipen im Bermudadreieck drang das Lachen der Studenten. Wir gingen in die andere Richtung, zum Stadtpark, in dem um diese Zeit niemand mehr war. Die Bäume tropften. Er legte seine Jacke um meine Schultern, ohne dass ich fror, einfach weil er es wollte. Ich ließ sie liegen. Auf einer Bank am Teich blieben wir sitzen, und ich lehnte den Kopf an seine Schulter und spürte, wie sich in mir etwas löste, das jahrelang zugeschnürt gewesen war.

Später, bei mir, im Haus mit dem Garten, das für eine Person eigentlich viel zu groß ist, war ich nicht mehr die Apothekerin, nicht die Witwe, nicht die Oma. Ich war nur eine Frau, die berührt wurde, langsam und mit Respekt, und die zurückberührte, ohne nachzudenken. Ich erzähle nicht mehr davon. Ich sage nur, dass ich an diesem Abend geweint habe, ganz leise, an seiner Schulter, und dass er nichts gesagt hat, sondern mich einfach gehalten hat, bis es vorbei war.

Er ging am Morgen, wie er gekommen war: ohne Versprechen. An der Tür sagte er: „Wenn du Lust hast, ich bin donnerstags immer frei.“ Ich sagte: „Mal sehen.“ Und dann sah ich ihm nach, wie er mit seinem Rad davonfuhr, die Straße hinunter, und merkte, dass ich schon jetzt hoffte, dass der nächste Donnerstag bald käme.

Er kam. Und der übernächste auch. Wir haben nie darüber gesprochen, dass daraus etwas Regelmäßiges geworden ist. Nico schreibt mittwochs: „Morgen?“ und ich schreibe: „Ja“ oder „Diesmal nicht“. Manchmal gehen wir essen, manchmal ins Kino im Bahnhof Langendreer, manchmal bleiben wir zu Hause und hören Platten, die noch von Wolfgang stammen. Das stört ihn nicht. Er sagt, ein Mann, der solche Musik gesammelt hat, muss ein guter Kerl gewesen sein.

Was mich am meisten überrascht, ist meine eigene Gelassenheit. Früher hätte ich jeden Donnerstag im Voraus geplant, mit Einkaufszettel und Reservierung. Heute entscheide ich am Nachmittag, ob mir danach ist, und wenn ja, ziehe ich mich um, kämme mir die Haare und gehe los. Ich brauche keinen Plan, weil ich keine Erwartungen mehr habe. Nico muss nichts leisten, und ich muss nichts beweisen. Wir sind zwei Menschen, die sich einen Abend lang gegenseitig guttun. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei, und am nächsten Morgen wache ich auf und bin ganz die Alte, nur ein wenig zufriedener.

Meine Tochter hat es inzwischen gemerkt. Sie hat mich nur gefragt: „Bist du glücklich?“ Ich habe ehrlich geantwortet: „Ich bin leicht.“ Sie hat mich umarmt und nichts weiter gesagt. Ich glaube, sie hat verstanden, dass ich nicht auf der Suche nach einem neuen Leben bin. Ich habe mein altes Leben behalten. Es hat nur einen Donnerstag dazubekommen, an dem ich wieder die Frau bin, die ich vor vierzig Jahren war, bevor ich für andere zuständig wurde.

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