Dienstags in der Markthalle Neun
Angelika, 55 · Berlin
Ich habe in Berlin so viele Menschen kennengelernt, die aus jeder Verabredung ein Projekt machen wollten, dass ich irgendwann beschloss: Mit mir nicht mehr. Kein Konzept, keine Zukunftsplanung, keine Gespräche über gemeinsame Werte im zweiten Café. Ich bin Angelika, fünfundfünfzig, Lektorin bei einem kleinen Verlag am Landwehrkanal, wohne seit dreißig Jahren in Kreuzberg, in derselben Altbauwohnung mit knarrendem Parkett, und ich weiß inzwischen ziemlich genau, wie viel Aufwand mir etwas wert ist. Bei Menschen ist die Antwort: möglichst wenig, wenn es schön sein soll.
Das klingt vielleicht kalt. Für mich ist es das Gegenteil. Wer sich nicht verbiegen muss, kann sich zeigen. Und wer sich zeigt, kann sich freuen. So einfach ist das, wenn man lange genug dafür gebraucht hat, es einfach zu finden.
Es begann an einem Sonntagabend im November, als ich auf dem Sofa saß, das Manuskript einer Debütautorin neben mir, und das Handy in die Hand nahm, um nachzusehen, ob mir jemand geschrieben hatte. Jemand hatte. Er hieß Kemal, war vierunddreißig und arbeitete als Koch in einem Restaurant in Neukölln. Seine Nachricht bestand aus zwei Sätzen: „Ich koche gern und esse noch lieber. Hast du Lust, dass wir zusammen einkaufen gehen?“
Ich muss zugeben: Ich lachte laut. Kein Kompliment über meine Augen, keine Frage nach meinem Wochenende. Einkaufen. Ich antwortete: „Dienstag, Markthalle Neun, elf Uhr. Ich brauche Pilze und Käse.“ Er schrieb: „Ich bringe Taschen mit.“ Das war alles.
Am Dienstag stand ich bei nassem, kaltem Wetter vor der Halle in der Eisenbahnstraße und sah mich um. Die Leute strömten hinein, mit Körben und Schirmen, und ich dachte noch: Jetzt fängt es an, ich erkenne ihn vielleicht gar nicht. Aber er erkannte mich. Er trat aus der Menge, ein großer Mann mit dunklen Locken und einem Wollmantel, zwei Leinentaschen über der Schulter, und sagte: „Ich hätte dich überall erkannt. Du hast die gleiche Art zu stehen wie auf dem Foto: als würde dir der Ort gehören.“
Er meinte es nicht als Schmeichelei. Er sagte es wie eine Feststellung. Das machte es umso schöner.
Ich muss gestehen, dass ich in der Halle zuerst nervös war. Nicht wegen ihm, sondern wegen der Umgebung: Ich kenne dort viele Gesichter, Nachbarn, Autorinnen, den Mann von der Reinigung. Berlin ist groß, aber Kreuzberg ist ein Dorf. Doch als Kemal neben mir stand und mit dem Fischhändler über die Frische der Dorade diskutierte, verflog die Nervosität. Wer sich so ungeniert für Essen begeistert, dem sieht man nicht an, dass er gerade mit einer Frau unterwegs ist, die sechzehn Jahre älter ist als er. Ihm war es gleichgültig. Und damit auch mir.
Wir gingen durch die Halle wie zwei Menschen, die schon oft zusammen eingekauft haben. Er prüfte Pilze mit den Fingerspitzen, roch an Käse, fragte Händler nach ihrer Herkunft. Ich stand daneben und sah ihm zu. Es hat etwas ungemein Sinnliches, einem Mann zuzuschauen, der weiß, was er tut. Nicht weil er mich beeindrucken wollte, sondern weil es ihm wichtig war. Am Stand mit den Oliven hielt er mir eine auf einem Zahnstocher hin. Ich nahm sie mit den Lippen, ohne die Hand zu benutzen, und sah, wie er einen Augenblick lang nicht mehr wusste, was er als Nächstes sagen wollte.
Wir bezahlten getrennt. Das war meine Regel und seine Zustimmung, ohne dass wir darüber sprachen. Dann standen wir draußen unter dem Vordach, vier Taschen voller Zutaten, und er fragte: „Wo kochen wir?“
„Bei mir“, sagte ich. „Es ist nicht weit. Vom Görlitzer Park aus zehn Minuten.“
Wir gingen zu Fuß durch die feuchte Luft, vorbei an Dönerläden und Spätis und Kindern, die auf dem Heimweg von der Schule an uns vorbeirannten. Unterwegs erzählte er von seiner Familie in Izmir, von den Sonntagen bei seiner Großmutter, die ihn vom Stuhl hob und in die Küche setzte, bevor er lesen konnte. Ich erzählte von den Manuskripten, die ich bis nachts lese, und von der Autorin, die mir vorige Woche geschrieben hatte, ich sei die erste Person, die ihren Text verstanden habe. Ich glaube, wir mochten einander in diesem Moment schon, ohne dass etwas passiert war.
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Jetzt Cougar treffenIn meiner Küche war es warm. Er stellte die Taschen ab, zog den Mantel aus, krempelte die Ärmel hoch und bat um ein scharfes Messer. Ich gab ihm das beste, das ich hatte. Er lächelte, prüfte die Klinge mit dem Daumen und sagte: „Das ist ein gutes Messer. Du kochst also doch.“
„Ich koche nie“, sagte ich. „Aber ich kaufe die guten Sachen.“
Er lachte und begann zu schneiden. Ich setzte mich auf den Stuhl am Fenster, mit einem Glas Weißwein, und sah zu. Der Duft von Knoblauch und Butter füllte den Raum, und dazwischen roch ich seine Haut, warm und leicht salzig. Irgendwann stellte ich das Glas ab, stand auf und trat hinter ihn. Ich legte die Hände auf seine Schultern. Er hielt inne, das Messer in der Luft, und atmete tief ein.
„Das Essen wird kalt“, sagte er leise.
„Das Essen kann warten“, sagte ich.
Wir haben an diesem Tag erst um vier Uhr nachmittags gegessen. Kalt, um ehrlich zu sein, aber es hat trotzdem geschmeckt. Draußen dämmerte es früh, und die Lichter in den Fenstern gegenüber gingen an. Er blieb, bis es dunkel war, dann zog er sich an, küsste mich lange an der Tür und fragte nicht, wann. Ich sagte es von selbst: „Nächsten Dienstag. Gleiche Uhrzeit.“
Seitdem ist der Dienstag unser Tag. Wir gehen in die Markthalle, kaufen ein, was uns gefällt, und ich bestimme, wo wir kochen. Manchmal bei mir, einmal bei ihm in Neukölln, in einer winzigen Küche, in der wir uns bei jeder Bewegung berührten und beide so taten, als sei das Zufall. Manchmal gehen wir nach dem Essen noch an den Kanal, setzen uns auf die Steine am Ufer, teilen eine Flasche Wein und sagen nichts. Berlin ist in diesen Stunden erstaunlich still, wenn man weiß, wo man sitzen muss.
Ich hatte Sorge, dass die Regelmäßigkeit uns langweilen könnte. Das Gegenteil passiert. Weil der Dienstag feststeht, muss nichts anderes feststehen. Wir müssen nicht schreiben, nicht planen, nicht fragen, ob es dem anderen gerade recht ist. Wir wissen es. Und wenn einer von uns nicht kann, sagt er es kurz, und der andere antwortet kurz, und niemand fühlt sich schlecht. Kein Drama, keine Diskussion, nur eine Nachricht mit drei Wörtern: „Diese Woche nicht.“ Und eine Antwort mit drei Wörtern: „Dann nächste Woche.“
Er fragt nie, ob ich lieber etwas anderes machen möchte. Er fragt nur, ob ich Hunger habe, und die Frage hat mich anfangs irritiert, weil sie so schlicht ist. Inzwischen weiß ich, dass sie alles enthält: ob ich da bin, ob ich Lust habe, ob ich mich wohlfühle. Ein einziger Satz, der nichts verlangt. Mit ihm ist jedes Treffen eine kleine Einladung, die man annehmen oder liegen lassen kann. Ich nehme sie an, fast immer.
Meine Freundin Ingrid meint, ich solle mehr daraus machen. Ihre Sorge kommt aus Liebe, das weiß ich. Aber ich habe in meinem Leben schon mehr aus Beziehungen gemacht, als sie hergaben, und dabei jedes Mal ein Stück von mir verloren. Diesmal mache ich nichts daraus. Ich lasse es, wie es ist, und es ist gut. Ich kenne jetzt seinen Lieblingsstand in der Halle, er kennt meine Vorliebe für Pilze mit Thymian, und wir beide kennen den Moment, in dem das Messer weggelegt wird.
Manchmal, wenn ich abends allein am Küchentisch sitze und ein Manuskript lese, riecht die Wohnung noch ein wenig nach ihm. Nach Knoblauch, Butter und diesem Duft, der nur ihm gehört. Dann lächle ich und lese weiter. Ich habe mit fünfundfünfzig gelernt, dass man ein Glück nicht festhalten muss, um es zu besitzen. Man muss nur jede Woche wieder hingehen und die Taschen mitbringen.







