Mittagspause am Neckar
Vera, 47 · Heidelberg
Abends gehören mir die Bilder, die Gäste und der Sekt. Der Nachmittag gehört mir selbst. Das habe ich mir vor drei Jahren fest vorgenommen, als ich die Galerie in der Heidelberger Altstadt übernahm: Mittwoch ab zwölf ist Vera-Zeit. Ich fahre dann mit dem Rad ans Neckarufer, lese, gehe spazieren oder tue gar nichts. Bis zu jenem Mittwoch im September war mir nie in den Sinn gekommen, diese Stunden mit jemandem zu teilen. Und dann schrieb mir Elias.
Ich bin Vera, siebenundvierzig, Kunsthistorikerin, geschieden, keine Kinder, dafür eine Katze, die mich mit strenger Miene empfängt, wenn ich zu spät nach Hause komme. Ich hatte mich auf CougarsTreffen angemeldet, halb aus Neugier, halb aus dem Trotz einer Frau, die sich sagen lassen musste, dass man in meinem Alter „nichts Rechtes mehr“ finde. Elias war einunddreißig, arbeitete am Max-Planck-Institut in Bergheim als Geologe und hatte auf seinem Foto zerzauste Haare und ein Grinsen, das mich sofort misstrauisch machte. Zu charmant, dachte ich. Aber seine Nachrichten waren anders: kurz, genau, mit einem Humor, der nicht auf mich zielte, sondern neben mir stand und mitlachte.
„Wollen wir einen Abend ausmachen?“, fragte er nach drei Tagen. Ich antwortete: „Lieber einen Nachmittag. Mittwoch, vierzehn Uhr, an der Neckarwiese. Wenn es regnet, verschieben wir.“ Es regnete nicht. Ich habe es später nachgeprüft, weil ich fast enttäuscht war, dass ich keine Ausrede hatte.
Am Abend sind alle Menschen ein bisschen besser aussehende Versionen ihrer selbst, weil Kerzen und Lampen mitschummeln. Mittags gibt es kein Verstecken. Wenn ein Mann mich im hellen Sonnenlicht ansieht, mit allen Fältchen um die Augen, allen Sommersprossen auf den Schultern, dann weiß ich, dass er mich meint und nicht eine Stimmung. Das ist mein Test, ein kleiner, ein ehrlicher. Und wer ihn nicht besteht, kostet mich nur eine Stunde.
Ich zog ein weißes Leinenhemd an, eine helle Hose und die flachen Schuhe, mit denen man in Heidelberg überhaupt nur gehen kann, wenn man nicht ständig über das Kopfsteinpflaster stolpern will. Als ich am Neckar ankam, saß er schon auf einer der Bänke, die Beine ausgestreckt, ein Buch auf dem Schoß. Ein Taschenbuch über die Geologie des Odenwalds. Ich musste lachen, und er merkte es.
„Ich wollte dir zeigen, dass ich auch lesen kann“, sagte er.
„Und ich dachte, du hättest es vor allem mitgebracht, um dich dahinter zu verstecken“, sagte ich.
Er errötete. Ich fand das unverschämt schön.
Wir gingen flussaufwärts, am Ufer entlang, unter den alten Bäumen der Neuenheimer Seite. Die Alte Brücke lag hinter uns, die Touristen mit ihren Kameras waren längst nur noch kleine Punkte. Am Wasser roch es nach warmem Stein und nach Gras, von der Wiese drüben wehten die Akkorde eines Ukulele-Spielers herüber, die mehr Mut als Können verrieten. Elias erzählte von seiner Arbeit, von Gesteinsschichten, die Millionen Jahre brauchen, um sich zu bilden, und von den Bohrkernen, die er im Labor untersucht. Ich hörte zu, und plötzlich merkte ich, dass ich mich auf etwas freute, das ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: darauf, einem anderen Menschen zuzuhören, ohne zu bewerten.
Er fragte mich nach meinem Alter, geradeheraus. Ich sagte es ihm. Er sagte: „Ich weiß. Steht im Profil.“ Ich sagte: „Dann frage nicht.“ Er lachte und nahm meine Hand, ganz selbstverständlich, so wie man nach einem Geländer greift, wenn man weiß, dass es hält. Seine Hand war warm und ein wenig rau. Ich ließ sie nicht los.
An der Ziegelhäuser Landstraße blieben wir stehen. Ich sagte: „Ich kenne ein Café in der Weststadt, das mittwochs kaum jemand besucht. Kuchen, guter Kaffee, ein Sofa im hinteren Raum.“ Er sagte: „Führ mich hin.“ Wir nahmen die Straßenbahn zurück, standen eng nebeneinander, weil sie voll war, und ich spürte die ganze Fahrt über seinen Atem an meiner Schläfe. Keiner von uns sagte ein Wort. Es war nicht nötig.
Auf dem Rückweg zur Straßenbahn erzählte er mir, dass er eigentlich nicht damit gerechnet hatte, dass ich wirklich antworte. Er habe mein Profil dreimal geöffnet und wieder geschlossen, bevor er sich getraut habe. Ich fragte, wovor er Angst gehabt habe. „Dass du mich durchschaust“, sagte er. „Frauen, die wissen, was sie wollen, sehen sofort, wenn ein Mann es nicht weiß.“ Ich blieb stehen und sah ihn an. „Und weißt du es?“, fragte ich. Er dachte ernsthaft nach, was ich ihm hoch anrechnete. „Nicht alles“, sagte er. „Aber ich weiß, dass ich dich wiedersehen möchte.“ Das war eine Antwort, mit der ich arbeiten konnte.
Neugierig geworden? Dann schreib ihr
Die Frauen aus diesen Geschichten haben sich getraut, den ersten Schritt zu machen. Melde dich anonym an, gib deine Stadt ein und schick der Cougar deiner Wahl noch heute einen Gruß.
Jetzt Cougar treffenDas Café war, wie ich es versprochen hatte, fast leer. Wir bekamen das Sofa. Er bestellte Apfelkuchen, ich einen Espresso, und wir teilten uns den Kuchen, ohne dass einer von uns es geplant hätte. Sein Knie berührte meines unter dem niedrigen Tisch. Ich rückte nicht weg. Er auch nicht. Irgendwann lehnte ich mich zurück, und er beugte sich vor, und die Frage, wer wen zuerst küsste, wurde beantwortet, indem wir es gleichzeitig taten. Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei. Niemand sah hin. Man kann in dieser Stadt sehr ungestört sein, wenn man weiß, wann.
„Ich habe bis sechs nichts vor“, sagte er.
„Ich auch nicht“, sagte ich, und dann sagte ich den Satz, den ich mir vorher nicht zurechtgelegt hatte: „Meine Wohnung liegt fünf Minuten von hier. Die Vorhänge sind dick, und die Katze ist gnädig.“
Sein Blick blieb an mir hängen, ernst und wach: Er hatte verstanden, dass ich nichts erfragte, sondern etwas anbot. „Sehr gern“, sagte er nur.
Was in den nächsten Stunden geschah, gehört zu den Dingen, die ich für mich behalte. Ich sage nur so viel: Die dicken Vorhänge hielten das Licht nicht ganz ab, und ein schmaler goldener Streifen wanderte langsam über die Wand, über das Bett, über seinen Rücken, über meine Schulter. Wir sprachen wenig. Irgendwann schlief er ein, mitten am Nachmittag, den Kopf halb in meinem Arm, und ich lag wach und beobachtete, wie sich der Streifen Licht verschob, bis er die Katze erreichte, die sich neben uns zusammengerollt hatte. Sie schnurrte. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet sie ihn akzeptiert.
Kurz vor sechs weckte ich ihn mit einer Tasse Tee. Er blinzelte, ein bisschen verlegen, ein bisschen stolz. „Ich habe noch nie am helllichten Tag so gut geschlafen“, sagte er.
„Das ist der Vorteil einer Frau, die ihre Termine selbst legt“, sagte ich.
Er zog sich an, ganz ohne Eile, und ich sah ihm dabei zu, mit dem Gefühl, dass ich mir das ansehen durfte, ohne dass mir jemand ein schlechtes Gewissen einreden konnte. An der Tür küsste er mich noch einmal, langsamer diesmal, und flüsterte in mein Ohr: „Nächsten Mittwoch?“
„Nächsten Mittwoch“, sagte ich. „Aber dann gehen wir zuerst auf den Philosophenweg.“
Er ging. Ich stand im Flur, barfuß, den Tee in der Hand, und spürte diese seltsame, leichte Ruhe, die man nur hat, wenn man etwas getan hat, das man wollte. Kein Bedauern. Keine Ausrede. Am Abend eröffnete ich meine Vernissage mit einem Lächeln, über das sich die halbe Stadt wunderte. Eine Besucherin fragte, ob ich verliebt sei. Ich sagte: „Ich habe mittwochs frei.“ Das genügte ihr nicht, aber es war die Wahrheit.
Ich habe später lange darüber nachgedacht, warum dieser Nachmittag mir so viel bedeutet. Es war nicht der Mann allein, so gut er mir gefiel. Es war die Tatsache, dass ich mir etwas erlaubt hatte, ohne es vorher mit irgendjemandem abzustimmen: keine Freundin, die mir riet, vorsichtig zu sein, keine Mutter, die den Kopf schüttelte, kein Ex-Mann in meinem Hinterkopf, der über meine Entscheidungen urteilte. Ich hatte Ort, Zeit und Tempo bestimmt, und es hatte sich richtig angefühlt. Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit dieses Alters. Man muss niemandem mehr beweisen, dass man vernünftig ist.
Inzwischen sind es sieben Mittwoche geworden. Wir waren auf dem Philosophenweg, im Schlossgarten, einmal sogar mit dem Boot auf dem Neckar, weil er behauptete, dass Geologen vom Wasser aus alles besser verstehen. Ich weiß nicht, was aus uns wird. Ich weiß nur, dass ich meinen Nachmittag geteilt habe und dass er dadurch nicht kleiner geworden ist. Er ist größer geworden. Und meine Katze wartet inzwischen am Fenster, wenn mittwochs die Uhr auf zwei zugeht.







