Die Straßenbahn nach Durlach
Renate, 52 · Karlsruhe
Ich habe in meinem Leben schon viele Termine gemacht, aber nie einen, der so schnell stand wie dieser. Es war ein Dienstag Anfang Oktober, kurz nach sechs, und ich saß noch im Büro in der Kaiserallee, als mein Handy auf dem Schreibtisch aufleuchtete. Eine Nachricht von Jonas. Sechsunddreißig, das stand in seinem Profil, und ich hatte dreimal hingeschaut, weil ich es nicht glauben wollte. Ich bin Renate, zweiundfünfzig, Steuerberaterin, und in meiner Kanzlei bin ich diejenige, die sagt, wann etwas passiert. Genau so wollte ich es auch an diesem Abend halten.
„Sie haben ein Lachen, das man nicht vergisst“, hatte er geschrieben. Erst wollte ich ihn korrigieren, weil ich den Satz zu höflich fand, zu sehr nach Verkäufer. Dann sah ich mir seine anderen Zeilen an. Er schrieb ohne Schnörkel. Er arbeitete als Zimmermann bei einem Betrieb in Durlach, hatte Hände, die auf dem Foto ein Stück Holz hielten, als sei es ein Versprechen, und er wohnte, wie sich herausstellte, keine zwei Kilometer von mir entfernt. In der Oststadt. Ich wohne in der Oststadt. Zwei Straßenzüge, und wir hätten uns seit Jahren im selben Bioladen begegnen können.
Früher hätte ich drei Tage gewartet. Ich hätte die Nachricht gelesen, mit Freundinnen besprochen, hin und her gedreht, und am Ende hätte er sich woanders umgesehen. Mit zweiundfünfzig habe ich diese Angewohnheit abgelegt wie einen Mantel, der nicht mehr passt. Ich schrieb: „Heute Abend, halb acht. Ich schlage die Bar am Gutenbergplatz vor. Ein Getränk, mehr nicht, wenn es mir nicht gefällt.“ Ich las den Satz zweimal. Er klang genau nach mir. Die Antwort kam nach einer Minute: „Ich bin um Viertel nach da. Ich will nicht, dass Sie warten.“
Das gefiel mir. Nicht weil er höflich war, sondern weil er mir den Ton überließ, ohne dass ich darum bitten musste. Ich schaltete den Computer aus, sperrte die Kanzlei ab und ging nach Hause, um mich umzuziehen. Ich entschied mich für das dunkelgrüne Kleid, das ich seit Monaten im Schrank hängen hatte, weil ich nie einen Anlass fand. Dazu Ohrringe, die mir meine Schwester zum Fünfzigsten geschenkt hatte, und den Duft, den ich nur trage, wenn ich weiß, dass ich mich wohlfühle. Im Spiegel stand eine Frau, die aussah wie jemand, der etwas vorhat. Ich musste lachen.
Der Gutenbergplatz war an diesem Abend ruhig, die Kastanien hatten schon gelbe Blätter, und unter den Laternen saßen ein paar Leute mit Decken über den Knien. Ich kam bewusst zehn Minuten zu früh, um mir den Platz auszusuchen, an dem ich sitzen wollte, mit dem Rücken zur Wand und dem Blick zur Tür. Das habe ich von meinem Beruf gelernt: Wer den Raum überblickt, hat keine Angst vor ihm. Ich bestellte einen Riesling aus der Ortenau und wartete.
Er kam pünktlich auf den Punkt, Viertel nach sieben, im dunklen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, und blieb zwei Schritte vor dem Tisch stehen, als wollte er fragen, ob er darf. Ich nickte. Er setzte sich, und wir sahen einander eine Weile an, ohne etwas zu sagen. Dann lachte er, und ich auch.
„Das Foto war nicht gelogen“, sagte er.
„Ihres auch nicht“, sagte ich. „Und ich bin nicht sicher, ob das eine gute Nachricht ist.“
Wir redeten über die Stadt, weil das der einfachste Einstieg war. Er erzählte von der Baustelle in Durlach, wo er einen Dachstuhl der alten Pfinzgaustraße erneuerte, und ich von meinen Mandanten, die mit ihren Belegen in Schuhkartons kamen. Er wollte wissen, was ich am liebsten in der Stadt mochte, und ich sagte ohne Nachdenken: den Schlossgarten im Frühling, wenn morgens noch niemand da ist und die Fächerstadt tatsächlich wie ein Fächer aussieht, ordentlich und trotzdem verspielt. Er sagte, er möge den Turmberg, vor allem im Winter, wenn man oben steht und unten die Lichter der Rheinebene sieht.
Zwischendurch bemerkte ich, wie er auf meine Hände sah. Nicht aufdringlich, eher neugierig. Ich ließ ihn schauen. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Stimmung an einem Tisch verändert, wenn man aufhört, sich zu verstecken. Ich sagte ihm, dass ich geschieden bin, seit acht Jahren, dass ich zwei erwachsene Töchter habe und dass ich weder einen Vater für meine Kinder noch einen Ersatz für irgendwen suche. „Ich suche etwas, das mir gefällt“, sagte ich, „und ich bestimme, wie viel davon ich will.“
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Jetzt Cougar treffenEr schwieg einen Moment. Dann sagte er etwas, das ich nie erwartet hätte: „Das ist das Ehrlichste, was mir eine Frau je gesagt hat.“ Ich glaubte ihm. Ich sah, wie er sich entspannte, als hätte ich ihm eine Last abgenommen. Viele Männer in seinem Alter, sagte er, würden sich Frauen wie mich ansehen und gleichzeitig Angst haben, ihnen nicht zu genügen. Er habe diese Angst nicht. Er wolle einfach eine Frau kennenlernen, die weiß, was sie will.
Wir bestellten noch ein Getränk, dann ein drittes. Draußen wurde es kühl, und ich zog meine Jacke enger. Er bemerkte es sofort und fragte, ob wir ein Stück gehen wollten. Ich sagte, dass ich in der Nähe wohne, und dass ich ihm gern den Weg zeige. Ein Satz, der mir leichter über die Lippen kam, als ich gedacht hatte.
Wir liefen die Kaiserallee hinunter, an den Villen der Oststadt vorbei, an Fenstern, in denen Lampen brannten. Er ging auf meiner linken Seite, dicht genug, dass sein Arm meinen streifte, aber nie so, dass ich hätte ausweichen müssen. An der Ampel blieb ich stehen. Er auch. Und in dem Moment, in dem es grün wurde und keiner von uns weiterging, drehte ich mich zu ihm und küsste ihn. Nicht er mich. Ich ihn. Das war mir wichtig, und ich glaube, er verstand es.
Ich will nicht alles erzählen. Nur so viel: Die Treppe in meinem Haus knarrt an der dritten Stufe, und er stolperte darüber, weil er mich ansah statt die Stufen. Meine Wohnung roch nach Lavendel und nach dem Kaffee vom Morgen. Ich zündete keine Kerze an und machte keine Musik an. Ich ließ nur die kleine Lampe im Flur brennen, deren Licht gerade reicht, um ein Gesicht zu erkennen. Der Rest gehörte uns, und er bleibt es auch.
Am nächsten Morgen wachte ich vor ihm auf. Es war kurz nach sechs, das Licht über den Dächern noch grau, irgendwo fuhr die erste Straßenbahn Richtung Durlach vorbei, dieses tiefe Rumpeln, das ich seit Jahren höre, ohne es zu bemerken. An diesem Morgen bemerkte ich es. Ich lag da und dachte an nichts, und das war das Schönste daran. Kein Grübeln, kein Rechnen, keine Frage, was das jetzt bedeutet.
Er öffnete die Augen und lächelte. „Und jetzt?“, fragte er.
„Jetzt mache ich Kaffee“, sagte ich. „Du musst in Durlach sein, und ich in der Kanzlei. Wir sind erwachsen.“
Er lachte, zog sich an und blieb an der Tür stehen. „Sehen wir uns wieder?“ Ich ließ mir Zeit mit der Antwort, nicht aus Koketterie, sondern weil ich es genießen wollte, dass ich die Wahl hatte. „Donnerstag“, sagte ich. „Ich schreibe dir, wann und wo.“
Er nickte, als sei das die selbstverständlichste Antwort der Welt, und ging die knarrende Treppe hinunter. Ich stand am Fenster und sah ihn über die Straße gehen, mit den Händen in den Taschen, ein wenig zu gut gelaunt für einen Mittwochmorgen. Er drehte sich nicht um. Das gefiel mir noch mehr.
Wir haben uns an diesem Donnerstag wiedergesehen, und in der Woche darauf auch. Nicht weil wir etwas versprochen hätten, sondern weil es uns beiden gutgetan hat. Manchmal treffen wir uns im Schlossgarten, manchmal in einer Weinstube in der Südstadt, manchmal bei mir. Er kocht erstaunlich gut, und ich sorge für den Wein. Ich weiß nicht, wohin das führt, und ich muss es nicht wissen. Ich weiß nur, dass ich mit zweiundfünfzig etwas gelernt habe, wofür ich früher Jahre gebraucht hätte: Man muss nicht warten, bis einen jemand auswählt. Man kann selbst sagen, wann, wo und wie. Alles Weitere ergibt sich.
Meine Tochter fragte mich neulich, warum ich so gute Laune hätte. Ich sagte nur, ich hätte einen neuen Weg zur Arbeit gefunden. Sie schaute mich an, und ich sah, dass sie es begriff, ohne dass ich etwas erklären musste. Sie lächelte und sagte: „Gut so, Mama.“ Mehr braucht es nicht.







