Freitags um acht im Magniviertel
Gisela, 58 · Braunschweig
Meine Schüler nennen mich hinter vorgehaltener Hand „die Uhr“, weil ich seit zwanzig Jahren jeden Morgen um Punkt sieben Uhr fünfzig im Sekretariat stehe. Ich habe nie etwas dagegen gehabt. Ordnung gibt mir Ruhe. Was ich lange nicht wusste: Sie kann auch etwas sehr Schönes sein, wenn man sie auf das Richtige anwendet. Bei mir ist es ein Freitagabend, Punkt acht Uhr, im Magniviertel.
Ich bin Gisela, achtundfünfzig, Leiterin einer Grundschule am Rande von Braunschweig, Witwe seit vier Jahren. Mein Mann Heinz und ich waren sechsunddreißig Jahre zusammen. Ich habe ihn geliebt, und ich vermisse ihn manchmal noch, zum Beispiel wenn im Herbst der Nebel über der Oker hängt. Aber ich habe irgendwann begriffen, dass Trauer und Lebenslust keine Gegner sind. Sie sitzen sogar im selben Zimmer, wenn man sie lässt.
Auf der Seite hatte ich mich zunächst nur umgesehen. Ich habe Zeit, Ruhe und einen ausgeprägten Sinn für Details, und so las ich Profile, wie ich Elternbriefe lese: aufmerksam, gnädig, aber ohne mich täuschen zu lassen. Viele Männer meines Alters schrieben, als wollten sie eine Krankenschwester engagieren. Die jungen schrieben, als wollten sie eine Mutter. Nur einer schrieb, als wollte er mich.
Er hieß Malte, war neununddreißig und arbeitete als Tontechniker im Staatstheater. Sein Foto zeigte ihn mit Kopfhörern um den Hals, lachend, in einem grauen Pullover, der aussah, als hätte er ihn seit Jahren. Seine erste Nachricht lautete: „Sie haben in Ihrem Profil geschrieben, dass Sie Pünktlichkeit mögen. Ich auch. Darf ich Sie zu einem Glas Wein einladen? Freitag, acht Uhr?“
Ich sah den Satz lange an. Dann antwortete ich: „Ja. Treffpunkt ist das Weinlokal am Magnitorwall. Ich bringe den Tisch mit.“ Ich hatte natürlich keinen Tisch. Aber ich wollte, dass er merkte, wer den Abend leitet.
Am Freitag war es feucht und kühl. Ich trug den taubenblauen Mantel, den ich mir nach Heinz’ Tod gekauft hatte, als erstes Stück, das ich allein ausgesucht hatte, und darunter ein schwarzes Kleid, das an den richtigen Stellen zu eng sitzt und an den falschen großzügig. Ich ging zu Fuß durch die Altstadt, vorbei am Burgplatz, wo der Löwe in der Dunkelheit fast lebendig wirkte, durch die Gassen im Magniviertel, in denen die Fachwerkhäuser sich einander zuneigen, als hätten sie Geheimnisse auszutauschen. Ich war ruhiger, als ich es erwartet hatte. Das ist die Erfahrung: Nervös wird man vor Dingen, die man nicht steuern kann. Ich konnte diesen Abend steuern.
Malte wartete schon. Er stand unter der Laterne vor dem Lokal, einen Blumenstrauß in der Hand, den er sofort hinter dem Rücken versteckte, als er mich sah. „Ich weiß, dass das kitschig ist“, sagte er.
„Das ist es“, sagte ich. „Gib her.“
Er lachte so laut, dass sich zwei Passanten umdrehten.
Der Wirt kannte uns nach dem dritten Freitag schon. Er stellte ohne Nachfrage zwei Gläser auf den Tisch am Fenster, den mit dem Blick auf die kleine Gasse, und zwinkerte Malte zu, wenn er glaubte, ich sähe es nicht. Ich sah es immer. Es störte mich nicht. In einer Stadt wie Braunschweig, wo man sich in der Altstadt ständig über den Weg läuft, ist es fast beruhigend, wenn jemand einen Ort für einen bereithält. Man gehört dann irgendwohin, ohne dass man es jemandem erklären muss.
Wir tranken einen Grauburgunder, dann einen zweiten, und redeten über Musik. Er erzählte, wie man ein Cello richtig abnimmt, dass jeder Raum seinen eigenen Klang hat und dass er am liebsten in leeren Sälen arbeitet, wenn nach der Probe die Stille zurückkommt. Ich erzählte ihm von der Stille in einem Klassenzimmer um halb sieben morgens, kurz bevor die Kinder kommen. Wir stellten fest, dass wir beide dasselbe mögen: Momente, in denen etwas noch nicht angefangen hat.
Neugierig geworden? Dann schreib ihr
Die Frauen aus diesen Geschichten haben sich getraut, den ersten Schritt zu machen. Melde dich anonym an, gib deine Stadt ein und schick der Cougar deiner Wahl noch heute einen Gruß.
Jetzt Cougar treffenGegen elf fragte er, ob er mich nach Hause bringen dürfe. Ich sagte: „Du darfst mich bis zur Tür bringen.“ Er verstand die Bedeutung des Satzes und nickte. An meiner Haustür in der Nähe des Bürgerparks blieben wir stehen. Ich war die Erste, die die Hand ausstreckte, um seinen Kragen zu richten. Er hielt meine Hand fest, ließ sie nicht los, und ich sagte: „Komm nächsten Freitag wieder. Gleiche Zeit, gleicher Tisch.“
Er sah mich verwundert an. „Nur nächsten Freitag?“
„Jeden Freitag“, sagte ich, „solange es uns beiden gefällt.“
Ich hatte den Satz nicht vorbereitet. Er kam einfach, so wie manche Dinge kommen, wenn man lange genug gewartet hat. Und ich merkte, wie gut er sich anfühlte: klar, freundlich, ohne Schwur und ohne Drohung.
Aus diesem Freitag wurde ein zweiter, ein dritter, ein zehnter. Wir haben uns eine Ordnung geschaffen, und ich sage es ganz bewusst so, denn genau das brauche ich. Um acht sind wir im Weinlokal, zwischen neun und zehn ziehen wir weiter, mal in eine Bar am Kohlmarkt, mal zu einem Spaziergang um den Bürgerpark, wenn das Wetter mitspielt. Und irgendwann, meistens nach einem letzten Glas, gehen wir zu mir.
Was dort passiert, ist meine Sache und seine. Ich sage nur, dass es Zeit gibt in diesen Nächten. Kein Hetzen, kein Beweisen. Er kennt inzwischen meine Art zu atmen, wenn ich mich entspanne, und ich seine Hände, die immer ein wenig kalt sind und dann warm werden. Manchmal spielt im Hintergrund leise ein Stück, das er mitgebracht hat, mit einem Cello, das langsam ansteigt. Er sagt, er habe es für mich aufgenommen. Ich habe ihm nicht geglaubt, bis ich mein eigenes Lachen in der Aufnahme hörte, ganz am Ende, leise, wie ein Nachklang.
Die Nachbarin im Erdgeschoss hat mich vor einiger Zeit auf der Treppe angesprochen. Sie habe freitags immer Schritte gehört, sagte sie, und ob ich jemanden kennengelernt hätte. Ich sagte: „Ja, und er ist neununddreißig.“ Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und dann lachte sie und sagte, sie beneide mich. Seither grüßt sie mich mit einem Ausdruck, den ich früher nicht kannte: Respekt, gemischt mit Neugier.
Am Samstag schlafen wir aus. Ich mache Rührei, er kocht Kaffee, und wir reden über nichts. Gegen Mittag geht er, und ich räume auf und freue mich auf den Rest des Wochenendes, auf meine Bücher, auf meinen Garten hinter dem Haus, auf den Sonntagsspaziergang an der Oker. Ich bin nicht einsamer als vorher, im Gegenteil. Ich bin ein Mensch mit einem Termin, auf den ich mich freue.
Meine Schwester versteht es nicht. „Willst du nicht mehr?“, fragt sie. „Ein Zusammenziehen, eine Beziehung, Sicherheit?“ Ich antworte dann immer: „Ich habe Sicherheit. Sie heißt Freitag, acht Uhr.“ Sie schüttelt den Kopf, und ich lasse sie. Man muss nicht alles erklären. Nicht jeder Mensch will dasselbe vom Leben, und mit achtundfünfzig darf man das laut sagen.
Was ich an dieser Verabredung liebe, ist, dass sie mir gehört. Malte hat nie versucht, mehr daraus zu machen, als ich wollte. Er hat nie gefragt, wo das hinführt. Er kommt, er ist da, mit ganzer Aufmerksamkeit, und er geht wieder, mit einem Lächeln. Dazwischen liegen sieben Tage, die ich für mich habe, für meine Schule, meine Bücher, meine Freundinnen. Und am Ende jeder Woche freue ich mich wieder auf ihn, wie man sich auf ein gutes Essen freut, das man nicht jeden Tag braucht, um zu wissen, dass es einem guttut.
Vor ein paar Wochen stand er plötzlich mit einem kleinen Päckchen vor mir. Darin lag ein Schlüsselanhänger in Form einer Uhr. „Für die Frau, die immer pünktlich ist“, sagte er. Ich habe geweint, nur kurz und nur ein bisschen, weil es so unerwartet kam. Dann habe ich den Anhänger an meinen Wohnungsschlüssel gehängt. Er klimpert, wenn ich freitags die Tür aufschließe. Um Viertel vor acht. Ein bisschen zu früh, wie immer.







