Der Mann mit dem blauen Stirnband
Marlene, 44 · Nürnberg
Ich laufe seit meinem vierzigsten Geburtstag. Nicht um schlank zu sein, sondern weil ich damals in einem Hotelzimmer in Hamburg aufgewacht bin und mir zum ersten Mal die Frage gestellt habe, was eigentlich mir gehört. Der Job? Die Wohnung? Mein Körper, den ich so lange nur mitgeschleppt hatte? Ich kaufte mir Schuhe, ging in den Park und lief zwei Kilometer, die sich anfühlten wie zwanzig. Heute laufe ich zehn, dreimal die Woche, und wenn ich nicht laufe, werde ich unausstehlich.
Ich bin Marlene, vierundvierzig, Leiterin des Vertriebs bei einem Nürnberger Maschinenbauer, geschieden, gut gelaunt an den meisten Tagen. Meine Strecke führt vom Rand der Südstadt über die Wöhrder Wiese am Pegnitzufer entlang bis zum Stadtpark und zurück. Um halb sieben ist es im Frühjahr schon hell, und man begegnet immer denselben Gesichtern: dem Herrn mit dem Dackel, der Frau mit den Walkingstöcken, den Studenten, die sich noch vom Vorabend erholen. Und seit einem Jahr einem jungen Mann mit dunkelblauem Stirnband.
Er war mir aufgefallen, weil er mich immer überholte und dann, ein Stück weiter vorne, das Tempo drosselte. Jedes Mal an derselben Stelle, an der kleinen Brücke, wo der Weg sich verengt. Am dritten Morgen nickte er mir zu. Am vierten sagte er „Morgen“. Am fünften: „Sie sind schneller geworden.“ Ich blieb stehen, atemlos, und sagte: „Ich weiß.“ Er lachte, und ich sah zum ersten Mal sein Gesicht richtig: offen, sonnengebräunt, mit einer kleinen Narbe über der Augenbraue.
Er hieß Tobias, sagte er, und ich sagte, ich wisse es noch nicht, aber ich könne es mir merken. Das war der ganze Austausch. Wir liefen weiter, jeder in seine Richtung.
Was mich beschäftigte, war nicht er, sondern etwas an mir. Ich hatte, ohne es zu wollen, angefangen, mich morgens zu freuen. Früher, nach der Scheidung, hatte ich mir geschworen, keine Verpflichtung mehr einzugehen, bei der jemand über mein Leben mitbestimmt. Aber ein Läufer an einer Brücke bestimmt nichts. Er ist einfach da, mit seinen Beinen und seinem Lächeln, und man kann ihn ansehen, so lange man will.
Drei Wochen später schrieb er mir. Nicht auf der Strecke, sondern über CougarsTreffen, wo er mich offenbar erkannt hatte. „Frau mit den roten Laufschuhen, Brücke, halb sieben“, stand in seiner Nachricht. „Ich wusste nicht, wie ich es sonst sagen sollte.“ Ich saß an meinem Schreibtisch in der Firma, sah auf den Bildschirm und spürte, wie mir warm wurde. Er war achtundzwanzig. Sechzehn Jahre jünger. Ich zählte nach, dreimal, und musste jedes Mal lächeln.
Ich schrieb zurück: „Montag, nach dem Laufen. Café an der Wöhrder Wiese, acht Uhr. Ich lade ein.“
An diesem Montag war der Himmel über der Burg klar und rosa. Wir liefen die Strecke zusammen, bis zur Brücke, und ich merkte, wie er sich zurückhielt, damit ich mithalten konnte, und wie mich das nicht ärgerte, sondern rührte. Im Café saßen wir mit zerzausten Haaren, verschwitzt, mit roten Wangen, und tranken heißen Kaffee aus dicken Tassen. Ich sah ihn an und dachte: Das ist ein Mann, dem ich nichts vormachen muss. Ich sehe furchtbar aus, und er schaut mich trotzdem an, als sei ich das Beste an diesem Morgen.
Wir redeten über alles Mögliche. Er machte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten in der Nähe des Hauptbahnhofs, wohnte in einer Wohngemeinschaft in Gostenhof und kochte für seine Mitbewohner jeden Sonntag riesige Töpfe Linsensuppe. Ich erzählte von den Messen, die ich betreue, von den Kunden in Dubai und Shanghai und von meiner Wohnung, die zu groß ist für eine Person. Er sagte nichts dazu. Nur sein Blick blieb ein wenig länger an meinem Gesicht hängen.
„Wie stellst du dir das vor?“, fragte ich schließlich. Ich wollte es klar haben, von Anfang an. Ich hatte es in meinem Leben zu oft erlebt, dass Männer Erwartungen hatten, die sie nicht aussprachen.
Er dachte kurz nach. „Ich hätte gern mehr davon“, sagte er. „Ohne dass du etwas erklären musst. Wenn du sagst, wir sehen uns montags, dann sehen wir uns montags.“
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Jetzt Cougar treffenDas war die Antwort, die ich hören wollte. Ich hatte mir gewünscht, dass jemand mir Zeit schenkt, ohne sie einzufordern. Und hier saß einer, der das ganz selbstverständlich tat.
„Montags“, sagte ich. „Aber ich bestimme, wo wir uns danach hinbewegen.“
„Abgemacht“, sagte er, und seine Augen glänzten.
Was mir an diesen Montagen besonders gefällt, ist die Selbstverständlichkeit. Tobias fragt nie, ob ich ihn wirklich sehen will. Er kommt einfach, mit seinem Stirnband und seiner Wasserflasche, und wenn ich sage, dass ich diese Woche lieber allein laufe, sagt er: „Alles klar, dann nächsten Montag.“ Kein Schmollen, kein Nachhaken, keine Nachricht um Mitternacht. Ich habe das früher nie erlebt. Mein Exmann hätte eine Absage als Angriff verstanden. Tobias versteht sie als Information. Das ist ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung.
Einmal, im Mai, regnete es so heftig, dass wir beide klitschnass am Café ankamen. Die Besitzerin gab uns Handtücher und schickte uns lachend in den hinteren Raum, wo ein alter Kachelofen stand. Wir setzten uns davor, zitternd, mit heißem Tee, und er rieb meine Hände zwischen seinen, bis sie wieder warm wurden. Ich sah ihm dabei zu und dachte an nichts. Der Regen trommelte auf das Dach, das Fenster beschlug, und in diesem beschlagenen Fenster sah ich uns beide, verschwommen, zwei Gestalten dicht beieinander. Wenn man mich fragt, wann ich zum ersten Mal wusste, dass diese Sache gut ist, dann war es dieser Moment.
Seither ist der Montag unser Tag. Wir laufen zusammen, meistens bis zur Brücke, dann trennen sich unsere Wege für ein paar Minuten, weil ich noch eine Runde um den Weiher drehe, und dann treffen wir uns wieder im Café. Manchmal frühstücken wir dort. Manchmal gehe ich mit ihm nach Hause, in meine Wohnung in der Südstadt, weil dort die Dusche größer ist und niemand im Flur steht. Es ist erstaunlich, wie zärtlich zwei Menschen sein können, die gerade zehn Kilometer gelaufen sind. Man trägt keine Fassade mehr. Man ist nur Haut, Atem, Wärme.
Ich beschreibe nicht, was danach passiert. Es gehört uns. Aber ich sage, dass ich in diesen Stunden lerne, dass Körper und Alter keine Feinde sind. Sein Körper ist fest und schnell, meiner erfahren und ruhig. Zwischen beiden liegt keine Lücke, sondern eine Brücke, und ich meine wirklich die kleine, schmale, die wir jeden Montag überqueren.
Meine Kollegin im Vertrieb hat mich neulich gefragt, warum ich montags immer so entspannt in die Besprechung komme. Ich sagte nur: „Weil ich weiß, was ich vorher hatte.“ Sie schaute mich an, ein wenig neidisch, ein wenig belustigt. Und ich dachte: Es ist nicht kompliziert. Man muss nur wissen, was man will, und es sagen, ohne sich zu entschuldigen.
Manchmal fragt mich Tobias, ob ich es nicht seltsam finde, dass wir so verschieden alt sind. Ich sage dann: „Seltsam finde ich nur, dass du so lange gebraucht hast, mich anzusprechen.“ Er lacht, und dann laufen wir weiter. Im Sommer werden wir vielleicht zum Rothsee fahren, dort gibt es eine Strecke, die er mir zeigen will. Ich habe zugesagt, ohne nachzudenken. Auch das ist neu.
Ich habe mir übrigens angewöhnt, keine Prognosen zu stellen. Meine Mutter fragt regelmäßig, ob ich nicht endlich „etwas Festes“ suche, und ich antworte, dass ich etwas sehr Festes habe: einen Montag. Sie versteht es nicht, und das ist in Ordnung. Wichtig ist nur, dass ich es verstehe. Ich wähle jede Woche neu, und jede Woche wähle ich ihn. Das ist eine Form von Treue, die mir mehr bedeutet als ein Versprechen vor dem Standesamt.
Mein Leben ist nicht größer geworden durch diesen Mann. Es ist freier geworden. Und ich glaube, das ist genau der Unterschied, den ich mit vierzig gesucht habe, in diesem Hotelzimmer in Hamburg, mit meinen neuen Schuhen in der Hand.







